Daniel Liedtke im Interview
Der neue Verwaltungsratspräsident Daniel Liedtke spricht über gesunde Motivation und welche Rolle Führungskräfte und Unternehmen dabei spielen.
Daniel Liedtke ist seit Anfang 2026 Präsident des Verwaltungsrats der Helsana-Gruppe. Nach über 25 Jahren in exekutiven Führungsrollen in Unternehmen des Schweizer Gesundheitswesens sowie auch international hat er bewusst den Schritt in ein strategisches Gremium vollzogen. Im Zentrum seines Wirkens stehen die Versorgungsqualität, einschliesslich Prävention, sowie die finanzielle Tragbarkeit eines leistungsfähigen Gesundheitssystems – stets mit einem klaren Blick für den Menschen und die Gesellschaft.
Sie sind seit diesem Jahr Präsident des Verwaltungsrats der Helsana. Was verstehen Sie unter «gesunder Motivation»?
«Gesunde Motivation entsteht aus Neugier, aus Freude und aus einem inneren Antrieb, den man nicht immer erklären kann. Sie ist nicht aufgesetzt und nicht verordnet. Wenn Motivation sich entwickelt, ist sie nachhaltig.
Gleichzeitig gibt es auch Formen von Motivation, die zunächst Überwindung brauchen. Gerade beim Sport sieht man das gut: Man hat vielleicht keine Lust, sobald man beginnt, merkt man aber, dass es guttut – und die Motivation entsteht im Tun. Dieses Dranbleiben, auch wenn es anfangs schwerfällt, gehört genauso dazu. Motivation entsteht nicht immer von selbst – man muss auch aktiv etwas dafür tun.»
Was hat Sie persönlich in Ihrer Laufbahn immer wieder motiviert – und was speziell für Ihre heutige Rolle?
«Für meine Laufbahn waren vor allem zwei Dinge entscheidend: Wissensdrang und Menschen. Wenn mich ein Thema interessiert, will ich es wirklich verstehen. Nicht nur das Wie, sondern auch das Warum und die Zusammenhänge. Diese Auseinandersetzung treibt mich an.
Genauso wichtig sind die Menschen. Schon früh gab es Personen, zu denen ich aufgeschaut habe – Familienmitglieder, später auch Lehrpersonen oder Persönlichkeiten, die Dinge bewusst anders gemacht haben. Ich erinnere mich noch heute an einen Lehrer, der an der Wandtafel einen Handstand gemacht hat.
In meiner Laufbahn habe ich ungefähr alle sieben Jahre eine neue Funktion übernommen. Das gab mir jeweils genug Zeit, um eigene Impulse einzubringen und etwas zu bewegen – ohne dass Routine zur Trägheit wurde. Der Schritt in die Rolle als Verwaltungsratspräsident war deshalb bewusst gewählt. Nach vielen Jahren im operativen Geschäft wollte ich stärker strategisch arbeiten und ein neues Kapitel beginnen.»
Wie entsteht Motivation aus Ihrer Sicht – eher von innen oder durch äussere Einflüsse? Wie stark ist Motivation tatsächlich beeinflussbar?
«Es braucht beides. Intrinsische Motivation ist zentral – jeder Mensch muss für sich herausfinden, was ihn wirklich antreibt. Gleichzeitig spielen auch äussere Faktoren eine wichtige Rolle. Entscheidend sind Rahmenbedingungen, die Orientierung geben, Eigenverantwortung ermöglichen und Entwicklung fördern. Arbeitgeber können hier gezielt Impulse setzen. Nachhaltig wird Motivation jedoch erst, wenn daraus eine innere Überzeugung entsteht – erzwingen lässt sich das nicht.»
Welche Rolle spielen Führungskräfte?
«Führungskräfte spielen eine zentrale Rolle. Sie können Rahmenbedingungen schaffen und vor allem Vorbild sein. Menschen orientieren sich an ihrem direkten Umfeld – an ihren Vorgesetzten ebenso wie an ihren Teammitgliedern. Führung zeigt sich im Alltag: Wenn ich selbst gesunde Verhaltensweisen vorlebe, wirkt das stärker als jede Anweisung. Verhaltensänderungen brauchen Zeit, entfalten aber Wirkung, wenn sie zugelassen und unterstützt werden.»
Motivation kann ansteckend sein – aber auch verloren gehen. Wie lässt sich Energie langfristig aufrechterhalten, besonders in schwierigen Zeiten?
«Es ist immer eine Kombination verschiedener Faktoren. Attraktive und zugängliche Angebote rund um Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Gesundheitsförderung können ein solcher Faktor sein. Ein zweiter für mich zentraler Faktor sind klare Strukturen und wiederkehrende Rituale. Unternehmen unterschätzen oft, wie wichtig sie sind. Sie helfen, Gewohnheiten zu etablieren und geben Orientierung – gerade in schwierigen Zeiten. Gemeint sind einfache Dinge wie regelmässige gemeinsame Pausen, Mittagessen oder soziale Anlässe. Generell sind physische Begegnungen enorm wichtig, besonders in Zeiten von Homeoffice. Und hier haben KMU oft einen Vorteil: Nähe, direkte Zusammenarbeit und gelebte Kultur wirken stärker als formale Programme.
Dies bringt mich zu einem dritten Faktor, den gelebten Werten. Sie entstehen im Team und nicht auf dem Papier. Gerade in herausfordernden Situationen ist die unmittelbare Umgebung oft wichtiger als die Gesamtorganisation. Wenn sich Teammitglieder gegenseitig unterstützen – etwa bei Krankheit oder in schwierigen Phasen – entsteht eine tragfähige offene Kultur und gegenseitiges Vertrauen. Dies stärkt die Motivation.
Eine solche Kultur lässt sich nicht verordnen, mit den richtigen Rahmenbedingungen und der richtigen Orientierung aber gezielt fördern. Am Ende geht es um die Balance zwischen Struktur und Freiheit sowie zwischen individuellen Bedürfnissen und gemeinsamen Zielen. Gelingt diese, entsteht Motivation nicht als Ziel, sondern als Ergebnis.»